Ungebetene Tipps oder „ich back dir was…“

pexels-photo-310575Ich weiß nicht, wieviele Tipps ich bereits seit meiner Krebsdiagnose bekommen habe.

Ernährungstipps, Verhaltenstipps, Tipps zu den richtigen Nahrungsergänzungsmitteln, zum Stressabbau, zur generellen Lebensumstellung, zum richtigen Sport im richtigen Maß, zur richtigen spirituellen Einstellung, zur richtigen geistigen Haltung, zur richtigen religiösen Haltung und und und .. ich könnte Seiten füllen.

Der ein oder andere Tipp führt natürlich zu den kuriosesten Momenten. Eine meiner Lieblingsmomente war, als mir mein jüngster Bruder, süße 23 Jahre alt, erklärte, „er backe mir etwas zur Entspannung.“ Leider saß unser 70i-ig jähriger Vater direkt neben dem „coolen“ Tipps-Geber und ich wusste nicht, ob ich einen Lach- oder Wutanfall oder beides gleichzeitig kriegen soll. Die besonderen Kekse sollten mir „Nicht-Kraut-Raucher“ zu einem besseren, tieferen Schlaf verhelfen, der seit Chemo- und Kortison Gaben leider alles andere als gut und erholsam ist. Nun ist es aber so, dass ich Drogen aller Art schon von Jugendbeinen an gegenüber mehr als misstrauisch bin und ich nichts davon halte, der Chemie mit anderen, mir genauso suspekten Substanzen zu begegnen.

Aber mein seit neustem meditierender, yogisierender Bruder ist der festen Überzeugung, dass wenn ich schon nicht mein in Piratentücher gehülltes Haupt von Tütenrauch umhüllen lassen will, ich doch wenigstens die zuckerhaltigen Cookies gegen was „Herzhaftes“ eintauschen sollte, auf dass ich mich mal „n bisschen entspanne…“ Hilfe….

Wo wir nahtlos beim nächsten, sinnfreien Tipp wären – den Krebs aushungern lassen!

„Finger weg vom Zucker!“ bekam ich nicht nur einmal geraten. „Krebs liebt Zucker!“

Aha… einen Internisten und Professor der TCM befragt ergab, Krebszellen lieben alles, was ich esse, egal ob zuckerhaltig, eiweißhaltig, mit oder ohne Kohlenhydrate. Die Krebszelle ist in jeder Hinsicht ein gemeines Monster und ißt immer zu erst. Völlig schnuppe ob mit oder ohne Zucker. Kriegt sie nix, bedient sie sich eben an dem, was an Energievorräten noch vorhanden ist. Man kann sie nicht „aushungern“. Was nun nicht zum Rat führen sollte, rein in die Eisdiele, in die Konditorei oder zum Bäcker und gib ihm. Eine ausgewogene, gesunde Ernährung, ist mehr als anzuraten. Aber „aushungern“ kann man Krebszellen nicht. Und ab und an ein richtig schönes, leckeres, feines Stück Kuchen, am besten selbst gebacken, ist auf alle Fälle besser, als die von meinem Bruder angebotenen Kekse…

pexels-photo-916472Jüngst sitze ich ohne Haschisch Kekse völlig entspannt an meinem Esstisch, als das berüchtigte „Pling“ eine SMS ankündigte. Eine weitläufige, berufliche Bekanntschaft, die mir vor Monaten im Zug wieder begegnet war, fand sich bemüßigt, mir eine lange Liste „Guter Lebensmittel“ zu schicken sowie eine Liste ganz besonders wirksamer Nahrungsergänzungsmittel, die mir Heil für alle Zeit versprachen. Manchmal bin ich baff des Mutes der anderen. Ich glaube, ich hätte mich nicht einmal getraut, meiner besten Freundin ungefragt so eine Liste zu schicken.

Würde ich alle Tipps, die man mir die letzten Monate gegeben hat, ob nun richtig oder falsch, gut oder anderswie gemeint, befolgen, würde ich jeden Tag 45 Minuten joggen, kiloweise Brokkoli und Himbeeren essen, weißes Brot sowie jede Form von Gebäck meiden, literweise Ingwerwasser trinken, meditieren, Yoga machen, mit Sesamöl Öl gurgeln oder es mir wahlweise auf das unbehaarte Haupt schmieren, Bäume umarmen, gefühlte 1000 unterschiedliche Nahrungsergänzungsmittel zu mir nehmen….. ach und ich könnte noch eine ganze Weile weiter aufzählen…

Nicht falsch verstehen! Viele gute Dinge, tue ich tatsächlich. Ich bewege mich in der freien Natur und ich esse ausgewogen, ich liebe Qui Gong und ich schwöre auf die traditionelle chinesische Medizin. Aber: Ich behalte es für mich. Denn das ist mein Weg. Und: Ich esse immer noch Kuchen und Kekse und wenn ich zu müde bin, um raus zu gehen, es mir zu schlecht geht, um Nordic Walking pfeifend durch die Natur zu streifen, oder es mir draußen schlicht zu kalt ist für Frischluftabenteuer, dann lege ich mich auf mein Sofa mit dem Gesicht zur Sonne. Das Vitamin D reicht! Und ich esse weder Haschisch Kekse dabei noch nehme ich mich einlullende Schlafmittel.

Der Käse geht auch so rum…. ohne zusätzliche Tipps und unbestellte Halluzinationen ….

Bloggen auf WordPress.com.
%d Bloggern gefällt das: