Bürokratie-Wahnsinn…

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Wo Kummer ist, kommt gern noch Leid hinzu…

Oder wie meine Schwieger-Omi gern zu sagen pflegte: „Erst hat‘ ich kein Glück und dann kam noch Pech dazu!“

Im Falle einer chronischen Erkrankung ist „kein Glück“ sicher die Erkrankung mit allen medizinischen Plackereien. Und „Pech“ der Bürokratie-Wahnsinn, der sich automatisch dazu gesellt….

Neulich schwanke ich an meinem doofen Donnerstag (immer nach Chemos dienstags) leicht benommen und wacklig zu meiner Krankenkasse.

In der Hand eine Reihe von Apotheken-Rechnungen über Komplementärmedizin.

Allein in den ersten drei Monaten meiner Erkrankung habe ich durch zusätzliche Arzt-Rechnungen, Medikamenten-Rechnungen und von der Krankenkasse nicht übernommenen Test-Rechnungen 7000 Euro Zusatz-Kosten gehabt.

In meiner Hand: ein Bruchteil dieser horrenden Rechnungen. Dabei zum Beispiel eine Rechnung im Wert von 236 Euro über Kühlhandschuhe, die ich während der Chemo trage, damit ich weniger (irreversible) Gefühlsstörungen in den Händen bekomme. (Wäre schon blöd, nach Abschluss der Chemo nicht einmal mehr einen Knopf zu zu kriegen….)

Die Dame hinter dem Schreibtisch guckt mich zu erst mürrisch, dann gar nicht mehr an.

Sie erinnert mich in ihrer Wortwahl und in ihrem Duktus an die Mutter von „Gru“ in „Ich einfach unverbesserlich“ – nur ist mir heute nicht so zum lachen.

Gelangweilt nimmt sie sich meiner mitgebrachten Rechnungen an und ohne mich eines Blickes zu würdigen, geht sie den Stapel durch. Bei jeder Rechnung, die sie anschaut, spricht sie schon ein fast genüsslich-gelangweiltes: „Nein“, „Nein“, „Nein“…..

An nur einer Rechnung bleibt sie kleben – ein Salbei-Mundwasser im Wert von 6,50 Euro. „Ja könnte man probieren“, meint sie großzügig. „Gebe ich weiter!“ Und ohne mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen, wünscht sie mir „Alles Gute!“ und komplementiert mich zur Tür hinaus.

Auf meine Frage, warum man als Patient eigentlich nicht am Anfang all dieser kräfteraubenden Therapien eine umfassende Beratung über Hilfestellungen, mögliche Leistungen etc. informiert wird, antwortet sie tatsächlich: „Wenn wir hier jeden, der zur Tür rein kommt, ausführlich beraten wollten, hätten wir viel zu tun!“

Tja, und wenn die Krankenkassen es täten, würde man als Patient, sich vielleicht ein bisschen mehr aufs Wesentliche konzentrieren können: Nämlich aufs Gesund werden.

Es gibt nichts, worum ich nicht habe kämpfen müssen: Um die Zahlung meiner Perücke (haben sie nur zur Hälfte übernommen, weil ich angeblich nicht bei einem „Vertragspartner“ war – ich wusste allerdings nicht, dass ich zu einem „Vertragspartner“ gehen muss und bin – verständlicherweise – zu einem befreundeten Friseur gegangen, dem ich in dieser doch heiklen Angelegenheit vertraue).

Gekämpft habe ich außerdem:

Um meine Haushaltshilfe – dreimal habe ich ein ärztliches Attest bringen müssen, das bestätigt, dass eine Chemotherapie sechs Monate dauert (sechs Monate sind sechs Monate sind sechs Monate…. seufz).

Mein Widerspruch über einen 3300 Euro teuren Gentest, der entscheidend war für den Fortgang der Therapie, liegt seit Oktober vergangenen Jahres unbeantwortet bei der Krankenkasse. Bei der sogenannten Widerspruchsstelle geht nie jemand ans Telefon. Meine Briefe beantwortet sowieso niemand.

Und so könnte ich die Liste endlos fortsetzen.

Am „Schönsten“ waren die Kämpfe mit den teuer abgeschlossenen Versicherungen. Eine hatte ich für einen Kredit abgeschlossen (sehr teuer), die im Krankheitsfall greift. Mit denen habe ich sechs Monate fleißig korrespondiert….

Über meinen Kampf mit der Berufsunfähigkeitsversicherung möchte ich an dieser Stelle gar nicht schreiben, das ist ein Artikel und eine Geschichte für sich, die Ordner füllt….

Nie hätte ich gedacht, dass ich als Journalistin mal selbst ein Fall für Wirtschafts-Magazine wie „Wiso“ werden würde… aber ich würde mich prima als sogenanntes „Fall-Beispiel“ am Anfang dieser Magazinbeiträge einfügen lassen. Nicht, weil mein Fall so „einmalig“ und „spektakulär“ ist, sondern weil er stellvertretend für alle chronisch kranken Menschen steht, die in die Not geraten sind,  ihre Ansprüche tatsächlich auch geltend machen zu müssen.

Wie oft haben mein Ehemann und ich uns gefragt: „Und wie machen das Menschen, denen es zu schlecht geht, um diesen Bürokratie-Wahnsinn zu bewältigen oder niemanden haben, der etwas für sie erledigt?“

Ach übrigens: Gestern habe ich einen Brief aus dem Briefkasten gefischt. Von meiner Krankenkasse. Zitat: „Wir freuen uns über ihren eingereichten Beleg. Da wir im Moment viele solcher Belege zu bearbeiten haben, bitten wir um ihre Geduld. Die Bearbeitung wird noch eine Weile dauern.“

Die 6,50 Euro verklopp ich richtig, wenn der Beleg durch ist  – da lade ich mindestens sechs Leute beim Bäcker zu einem Kaffee ein – allerdings gibts dann nur den aus der Kanne. Die aus der Maschine sind zu teuer. Da reicht’s vielleicht gerade mal für zwei  ….

4 Kommentare

  1. Heiko sagt:

    Hey SDF,
    Wirklich klasse, dass Du das mal alles aufschreibst! Danke dafür. Und nicht klein kriegen lassen!
    H.

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  2. Babs sagt:

    es ist eine Schande wie man mit Krebskranken umgeht, die doch jede Unterstützung bräuchten.

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  3. sabinedinkel sagt:

    Meine Güte, was für eine kostbare Lebenszeit uns dieser bürokratische Mist kostet! Ich pingponge auch schon seit Wochen mit meiner KK wegen der Zuzahlungen.

    Was mich dabei extrem erzürnt: dass bisher niemals – in Worten N.I.E.M.A.L.S – eine von den Sachbearbeiterinnen sagte oder schrieb: „Tut mir echt leid, Frau Dinkel, dass Sie so eine schwere Erkrankung durchmachen müssen.“

    Es gibt ein neues Berufsbild: „Onkolotsen“

    Die helfen dann denen, die das nicht so gut können mit dem Schreibkram. Es wird jedoch noch dauern, bis sich genug dazu haben ausbilden lassen. Aber immerhin ein kleiner Lichtblick.

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    • Liebe Sabine
      was für eine wertvolle Auskunft! Ich hoffe und wünsche allen Erkrankten sehr, dass sie sehr bald wie selbstverständlich die Hilfe der „Onkolotsen“ in Anspruch nehmen können. Das wäre eine wirklich wichtige hilfreiche Unterstützung. Auf dass nicht jeder Erkrankte erneut von vorne anfangen muss, beim Sammeln wichtiger Informationen und beim Bewältigen des Bürokratiewahnsinns. Ein gerade zu Anfang scheinbar undurchdringbarer Dschungel. Oder wie Sie es so schön formuliert haben. Ein Fremder Planet, auf dem man sich erst einmal zu Recht finden muss. Schön, wenn ein Lotse einem da durchhilft. Mir hätte es sicherlich sehr viel geholfen.

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