Es ist vorbei….. DANKE!

Eigentlich kann ich es selbst noch nicht glauben.

Es ist vorbei. Die Chemo ist vorbei. Sechs Monate Ausnahmezustand. Sechs Monate Durchhalten. Aushalten. Festhalten. Sechs Monate regelmäßig schlaflos, mit aufgeblähtem Bauch, dicken Liedern, Kortison geschwängerten Gliedern, dauermüde und oft unfassbar gereizt.

Momente, Tage, in/an denen mein Ehemann mich abends zur Begrüßung nicht einmal in den Arm nehmen konnte, weil jede Berührung weh getan hat. Der ewige Blick in den Spiegel zu diesem kahlköpfigen, blassen, müden Etwas, das irgendwie entfernt an mich erinnert und doch erst nach Schichten von Make Up, falschen Wimpern und aufgesetzter Kopfbedeckung zumindest eine Ähnlichkeit mit meinem früheren Ich bekommt.

„Wer ist diese Frau?“, fragte ich mich bald täglich und frage es mich natürlich noch jetzt. Gerade heute hatte ich zufällig eine Reihe alter Passbilder in der Hand, die ich beim Schubladen-Durchwühlen in die Finger bekommen habe. Passbilder mehrerer  Jahrzehnte. Wow – ich war mal jung und attraktiv, denke ich beim Anschauen und weiß noch ganz genau, dass ich nach jeder Gott verdammten Aufnahme motzig die Bilder mit nach hause nahm, in der Annahme, sie taugen nichts. Oder ich würde doof drauf ausschauen. Die Bilder sind toll. Sie zeigen mich lachend, mal blond, mal braun, mal blass, mal sonnenverwöhnt, mal mit kurzen, mal mit langen Haaren, mal mit müden Augen, mal strahlend. Auf alle Fälle ich.

Tja – jetzt weiß ich, was ich an meinem alten Ich hatte. Leider weiß man das ja immer erst zu schätzen, wenn man es gerade zu verlieren droht, es ganz dicke kommt, das Schicksal einem eine innere wie äußerliche Metamorphose abverlangt.

Aber es ist rum. Nun beginnt die nächste Verpuppung. Und ich hoffe auf einen neuen Schmetterling. Ich hoffe darauf, dass dieser weiß-graue Flaum auf meinem Kopf irgendwann wieder so etwas wie Haare darstellt. Ich hoffe, dass sich mein Körper ganz allmählich entgiftet, zu seiner alten / oder soll ich lieber sagen neuen Energie (zurück) findet, die Lieder nicht mehr ganz so geschwollen sind, das Kortison meinen Körper verlässt, das Gift ebenso.

Meine Seele, mein Kopf, mein Herz, mein Verstand irgendwann kapiert, was da eigentlich passiert ist und noch passiert. Die Seele Zeit und Ruhe und Muße bekommt, zu verarbeiten, was zu verarbeiten ist. Die Todesangst, die mich nachts überkommt, wenn alles schläft und alle Verpflichtungen erledigt sind, sich allmählich verflüchtigt und die Lebensfreude, der Optimismus die Überhand bekommt.

Irgendwann der beruhigende Alltag das Leben bestimmt – jener Alltag, den so viele täglich verfluchen und der doch so eine angenehme Struktur, Ruhe und Sicherheit in unser Leben bringt.

Doch jetzt ist erst einmal Zeit, Danke zu sagen. Danke an meinen Ehemann, der immer zu mir gehalten hat, war ich auch noch so aufgebracht, verzweifelt und aufgeregt. Und der auch in den nächsten Therapieschritten fest an meiner Seite stehen wird. Der es nie müde war, mir zuzuhören und nicht sauer war, dass ich oft zu müde war, ihm zuzuhören und ich manchmal noch vor meinen Kindern im Bett lag. Der immer betonte, dass ich immer seine Schöne bleiben werde, egal was kommt und was ist. Und wie zerrupft meine Frisur auch aussehen mag.

Danke an meine engsten Freundinnen, die es nie versäumt haben,  vor und nach jeder Chemo aufmunternde SMS en zu schicken, um mir zu sagen, dass sie an mich denken und mir fest wünschen, dass auch diese Runde gut überstanden wird. Die immer für mich da waren, mir zugehört haben, mich auch zu sehr unangenehmen Terminen begleitet haben, nicht böse waren, wenn ich zu müde und zu abgeschlagen war, um etwas Schönes zu unternehmen und die sich auch einfach zu mir auf das Sofa gesetzt haben, um einen Film zu schauen, bei dem ich nicht selten schon in der ersten halben Stunde eingeschlafen bin.

Danke an meine Mutter, die wochenlang mir jeden Dienstag nach der Chemo ein warmes Mittagessen gemacht hat, um sich anschließend leise mit ihrem Strickzeug aufs Sofa zu setzen, währenddessen ich mindestens zwei Stunden schlief, erschöpft von der ganzen Chemie. Die mich nach meinem Erwachen zur Akupunktur fuhr und mit mir einen  „Schleich“ Spaziergang unternahm, damit ich auch mal an die Luft komme. Die mir jeden Dienstag eine Rose mehr gekauft hat, bis ich meine 12  zusammen hatte und dazu gab es immer eine italienische Praline, die ich zwar nicht wirklich schmecken konnte, die mich aber trotzdem umso mehr erfreute, stand sie doch für die Süße des Moments, für die überstandene Qual.

Danke an unsere Haushaltshilfe und Nanny, die gefühlte 1000 Stunden bei Wind und Wetter mit meinem Sohn Fußball gespielt hat, damit er sich austoben kann, während Mami mal wieder Ruhen musste und jeder noch so versteckten dreckigen Kindersocke hinter her gejagt ist, auf dass uns die Wäscheberge nicht auch noch erdrückten.

Danke an die Ärzte, die mich motiviert haben, durch- und auszuhalten und auf mich eingegangen sind, wenn ich nicht mehr konnte. Danke an die Krankenschwestern, die mit ihrem Engagement, ihrem Witz, ihrer fröhlichen Art, die Angst, den Schwindel, die Kälte, die Hitze, und auch alle anderen blöden Gefühle ein bisschen vertrieben haben.

Und nicht zuletzt Danke an meine Kinder, die mit ihrem Witz, ihren Sprüchen, ihrer herausfordernden Art, mir dann doch so etwas wie Alltag gegönnt haben, es nicht zuließen, dass ich mich hängen lasse, und mir doch ganz deutlich klar gemacht haben: Mama bleibt Mama, mit allen Verpflichtungen und schönen Seiten, die das Mama-Sein eben so mit sich bringt.

Danke an das Leben und auch an mich selbst, die das Leben, jetzt sicher noch mehr zu schätzen weiß, als zuvor. Ich kann es kaum erwarten, wieder Schmetterling zu sein.

 

Weitermachen – die Fantastischen Vier

Hier ist ein Lied, falls du unten bist
Und die Hoffnung in dir fast verschwunden ist
Falls du am Boden zerstört nach oben gehörst
Verloren, verhöhnt, Gefühle hast, die echt verboten gehören
Verbohrt und verstört, schon gar nicht mehr spürst was da ist
Und dich fragst warum dir das nicht auch noch scheiß egal ist
Die Wahrheit ist, es brodelt in dir
Ein tosendes Meer, das ohne Unterlass dich runter nur ins Bodenlose führt
Nicht ohne ist ja schon das bloße Gefühl
Das große Ziel wär eh schon verspielt
Hat man sein Leben lang daneben gezielt
Und alle reden sie viel, doch alle sagen sie nichts
Und alle sehen sie weg, denn sie ertragen es nicht
Nicht alle werden hier alt, doch alle gehen wir hier drauf
Und deshalb bitt‘ ich dich, gibt dir n Tritt und steh auf
Und geh raus, und geh ab, denn wer außer dir hat
Schon hier draußen die Kraft, die du brauchst, du erschaffst
Ja du baust dieses Haus, doch verstaust unterm Dach
Auch die tausenden Tonnen Ballast, die du hast
Und das Maß, es ist voll wie ein Glas, in das fast nichts mehr passt
Und dein Kopf ist so voll, dass er platzt
Ja du hast es ein paar Mal fast schon geschafft
Hätt‘ nicht im letzten Augenblick noch Irgendeiner gesagt:

Geh und folg deiner Sehnsucht!
Deine Seele ist deswegen hier
Im Strom dieser Zeit
Der Wellengang formt jeden Stein
So vollkommen

Im Vertrauen gesagt, ich war auch mal am Arsch
Ja ich glaub ich war schon tausendmal da
Und auch das tausendste Mal war noch hart
Doch es gab auch die Aussicht
Auf alles was dich noch erwartet, falls du nicht aufgibst
Auch wenns nicht so aussieht, du wirst hier gebraucht
Ich würd‘ wetten du alleine schaffst es ohne uns auch nicht
Also nimm‘ dich nicht raus, sich aufgeben bringt’s auch nicht
Du kannst nicht überleben was dich innerlich auffrisst
Es beißt und es schmerzt und zerreißt dir dein Herz
Und wer weiß, ob der Preis den Schmerz wert ist
Doch es heißt auch zuletzt bist du hier, bist du jetzt
Der Beweis, dass du hier nicht verkehrt bist
Egal wie lange die Nacht war, es wird wieder Tag
Und auch wenn du lange schwach warst, du wirst wieder stark
Hat dann ein anderer kaum Kraft und gerade versagt
Dann sag ihm bitte genau das, was ich dir grade sag

Geh und folg deiner Sehnsucht!
Deine Seele ist deswegen hier

Und bist du am Boden, dann mach‘ ich dir Mut
Denn denen da oben gehst auch nicht so gut
Ja diese Berg- und Talfahrt ist endlos
Leb‘ dein Leben in Demut, denn nur so erkennt du
Jedes Mal wenn es weh tut, dann lernst, dann lernst du dazu
Egal wie lange die Nacht war, es wird wieder Tag
Und auch wenn du lange schwach warst, du wirst wieder stark
Hat dann ein anderer kaum Kraft und gerade versagt
Dann sag ihm bitte genau das, was ich dir grade sag‘

Geh und folg deiner Sehnsucht
Deine Seele ist deswegen hier
Im Strom dieser Zeit
Der Wellengang formt jeden Stein
Darum geh und folg deiner Sehnsucht!
Deine Seele ist deswegen hier
Im Strom dieser Zeit
Der Wellengang formt jeden Stein
So vollkommen

 

 

Ein Kommentar

  1. Mechthild sagt:

    Das ist sehr berührend! Danke für diesen wahrhaftigen, ehrlichen und wunderbaren Text. Ganz dicke Umarmung!!!!

    Gefällt mir

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