Vom Leben und Sterben…

Es ist früh an diesem Morgen. Wie immer sehr früh. In der Tageszeitung ein Artikel über die Ausstellung „Grasbeiserbande“. Allein der Name – herrlich! Ich muss unwillkürlich lachen. O.k. ich gebe zu, ich hab auch den passenden Humor zum Ausstellungsnamen. Ich kann verstehen, wenn jemandem anderes dabei, das Frühstücksbrötchen im Hals stecken bleibt. Mir aber nicht. In dem Artikel geht es um sterbenskranke Kinder und ihre Gedanken zum Tod. Fragen wie „Warum soll ich mir die Zähne putzen, wenn ich eh ins Gras beiße?“. So lautete die Frage des an Leukämie erkrankten Max, 8 Jahre. Weitere herrliche Gedanken und Fragen werden aufgezählt. Wie etwa „Den Rest von meinem Leben, kriegt den eigentlich ein anderer?“ Die Ausstellung ist in Heidelberg zu sehen, im Alten Hallenbad und heißt eben „Grasbeißerbande.“ Natürlich werde ich mir diese Ausstellung anschauen.

Mich berühren diese Fragen zutiefst. Natürlich weil ich Bekanntschaft gemacht habe mit Gevatter Tod. Von dem ein Kind fragen lässt:“Woher weiss der Tod, wen er holen soll? Wer gibt ihm meine Adresse?“ Tja woher weiß der blöde Typ eigentlich unsere Adresse? Und hätte er nicht nebenan klingeln können? Er hätte sich ja auch verlaufen oder verirren oder generell mal irren können….  Und überhaupt! Wieso klingelt der bei 8-Jährigen? 10-Jährigen? 14-Jährigen? Oder zweifachen 46-Jährigen Müttern?

Die Ausstellung berührt so sehr, weil sie uns, unsere Endlichkeit bewusst macht. Ein absolutes Tabu-Thema in unserer Spass-Leistungs-Konsum-Immer-Weiter-Höher-Schneller-Gesellschaft. Da hat der Tod einfach nichts verloren. Auch nicht der drohende.

Wenn ich zu meiner Familie und zu meinen Freunden sage:“Die erste Runde ging an mich!“, kriegen die einen Fön. Dabei meine ich das wahrscheinlich ganz anders, als sie zu verstehen glauben. Ich habe den Tod als Möglichkeit in mein Leben gelassen. Sicher hat dies diese Krankheit bewirkt. Vorher war dieser Gevatter einfach nicht da. Da war ich kein Deut anders, als die anderen. Das war wie mit allen anderen Schicksalsschlägen. Geschieden werden andere, Schulden haben andere, Depressionen haben andere, einen Burn-Out kriegen andere, Krebs kriegen andere, gestorben wird wo anders.

Tja, offenbar dann doch nicht. Nun ist es mitnichten so, dass ich da sitze und auf Runde zwei warte. (Zumal ich Runde eins noch nicht mal ganz abgeschlossen habe). Wer mich kennt, weiß: außerhalb des Behandlungsmarathons, lebe ich so, als „ob nix wäre“. Aber bewusster, viel bewusster. Jeder Augenblick zählt. Für alle, die im Höher-Schneller-Weiter-Hamsterrad drin geblieben sind, esoterisches Geschwätz. Für mich ein klares Ja zum Leben. Und jeder Augenblick zählt, ist durchaus alltagstauglich. Und ist ziemlich einfach umzusetzen. Es hat etwas buddhistisches.

Wenn ich esse, esse ich, wenn ich spazieren gehe, gehe ich spazieren, wenn ich mit meinem Kind Hausaufgaben mache, mache ich Hausaufgaben, wenn ich meiner Freundin zuhöre, höre ich meiner Freundin zu. Ich gebe mir die größte Mühe und fange mich immer wieder selbst ein, dabei weder Einkaufslisten noch To-Do-Listen im Kopf zu erstellen und schon gar nicht parallel, Emails und Textnachrichten zu beantworten. Ich mache das, was ich gerade mache. Das will ich mir unbedingt erhalten. Und diese Haltung, hat mir in meinem „Höher-Schneller-Weiter-Job“ eigentlich so manches mal den Kopf gerettet. Eine liebe Kollegin, schon lange, lange in unserem „ach so schnell-lebigen Job“, hatte mir früh den Rat gegeben: „Eins nach dem anderen, gerade wenn es mega- stressig ist!“ Und so habe ich so manchen Brand, so manchen Prozess und andere „Journalisten-Nettigkeiten“ „überlebt“.

Und nun will ich nicht länger „überleben“, sondern „leben“. Und das geht nur, wenn man die Möglichkeit des Sterbens mit einbezieht. Sonst klingelt es ziemlich überraschend an der Tür. Und wenn man erschrocken, dem Gevatter, die Tür vor der Nase zuknallen will, stellt der womöglich ein Bein rein. Mit mir nicht, Bursche. Ich bin vorbereitet. Aber von mir aus, kannst Du dir noch so zwanzig, dreißig, vierzig Jahre Zeit lassen, mit dem Klingeln. Ich hätte nichts dagegen Ur-Oma zu werden. In diesem Sinne – habt einen tollen  bewussten Tag.

Eure Nicoletta

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