Freund aus der Ferne

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Tag eins unserer bevorstehenden langen, langen Zu-Hause-Zeit ist vorbei. Wer hätte gedacht, dass sich zwei Jahren nach Chemo-Ende, mein Lebensmittelpunkt wieder in meinen vier Wänden befinden würde. Doch jetzt bin ich nicht alleine isoliert. Die Welt hat sich insgesamt aufgehört zu drehen. Und wir sind zu viert zu Hause. Seit Gestern gibt es hier bei uns alles: Wir haben zwei Gymnasial-Klassen aufgemacht, Klasse 10 und Klasse 5, eine Zeitungsredaktion (Mein Mann), und wenn ich wieder genesen bin (nein kein Krebs, meine Arthritis wütet – der Stress?) auch eine Hörfunk-Redaktion. Wir sind aber auch Fitness-Studio, Bastel- und Malatelier, Yoga-Studio. Den Waschsalon, das Restaurant etc. erwähne ich gar nicht, diese Institutionen haben hier immer offen…

Mein zehnjähriger Sohn hält am Vorabend unserer neuen Welt eine Rede beim Abendessen, in der er allen Familienmitgliedern für ihr zukünftiges Engagement dankt. Ich könnte lachen und heulen zugleich. Er dankt mir, dass ich als Bildungs-, Familien- und Verpflegungsministerin in den nächsten Monaten den Kindern beim Online-Lernen helfen werde und in den Essenpausen, Gesundes auftischen werde. Er dankt seinem Stiefvater für die Herstellung der EDV-Technik für zukünftiges Online Arbeiten von vier Familienmitgliedern. Und seiner Schwester, die Kreativ-Angebote machen wird, wie etwa Kalligraphie. Allerdings sind wir restlichen drei diesbezüglich ganz undankbare Kursteilnehmer, weil unsere Schriften wirklich zum Davon Laufen sind.

Mein Sohn selbst, macht als Sportminister einen Fitness-Plan mit Treffpunkt. „Yoga gibts zweimal die Woche mit Mama auf dem Teppich vor dem Fernseher. 17.00 Uhr – seid bitte pünktlich!“, ruft er aus.

Nachdem ich drei Nächte nicht geschlafen habe, mir die Augen ausgeheult habe, von einer Panikattacke zur anderen gewandert bin, Angst-Durchfälle hatte, den Corona Ticker von morgens um vier bis nachts um 12 verfolgt habe, herrscht nun Ruhe in meinem Herzen. Meine Kinder machen es möglich. Ja sie haben Angst, ja sie vermissen ihre Schule, ihre Freunde, ihre Hobbys, ja sie sind tieftraurig Oma und Opa kaum sehen zu dürfen und wenn, einen Abstand von 1,5 Metern wahren zu müssen, ja sie können sich aktuell keinen Sommer ohne Schwimmbad, Grillfeste, Cliquen-Treffs und Sommerurlaub vorstellen, ja die Tränen fließen auch bei ihnen und die Wut sucht sich einen Weg nach draußen. Aber sie sind auch Meister der Improvisation. Anpassungsfähig wie Fische im Wasser und unglaublich um- und weitsichtig.

Bei einem Spaziergang mit mir sagte der Knips:“Stell Dir vor, Mama, das geht wirklich zwei Jahre, da bin ich dann 12 und wir laufen immer noch diese Runde. Und da laufen sie, und laufen und laufen. Aber dann kann ich dir wahrscheinlich schon auf den Kopf spucken.“ Wir brechen beide in schallendes Gelächter aus, bei der Vorstellung, wie wir zwei Jahre lang, die selbe Runde drehen. Dabei ist diese Vorstellung alles andere als witzig.

Meine Tochter begeht Tag eins stoisch: Um 10 Uhr sitzt sie am Esstisch, paukt Französisch und Latein. Um 12 Uhr geht sie zu ihrem Spaziergang mit ihrem Vater. Punkt 14.00 Uhr kommt sie, wie verabredet zum Mittagessen, danach lernt sie wieder bis 17:00 Uhr. Dann geht sie joggen. Wir wundern uns alle über diese selbstauferlegte Disziplin. Nach dem Abendessen kommen dann die Tränen. Wir reden lange, ich schaffe es, sie zu trösten, obwohl ich mich abends um 22.00 Uhr kaum noch vor Müdigkeit auf den Beinen halten kann. „Nichts gegen euch, Mama, aber auf unbestimmte Zeit immer nur mit euch zusammen sein, ohne meine Freunde? Das halte ich nicht aus!“, ruft die 15-Jährige verzweifelt aus.

Wir werden neue Wege finden müssen, bei einander zu sein. Die technischen Voraussetzungen sind dafür da. Ich werde meiner Tochter Skype und andere Formen von Konferenzen mit ihren Freundinnen vorschlagen. Meine Chorleiterin fragen, ob wir nicht unsere Mittwochsprobe irgendwie online abhalten können. Unser Fitness-Studio hat schon angekündigt, in Zukunft Online-Kurse anzubieten. Dann können wir zu viert zuhause Pilates vor dem Fernseher machen.

Ja, ich vermisse es jetzt schon, meine Mutter nicht mehr in den Arm nehmen zu dürfen, es fühlt sich schrecklich an, jedem auf dem Gehweg galant aus dem Weg zu gehen, es ist immer noch merkwürdig, niemandem mehr zur Begrüßung die Hand zu geben. Aber ich weiß, diese Herausforderung schweißt uns alle nur noch mehr zusammen, die Welt wird ein Freund aus der Ferne. Und Sehnsucht ist bekanntlich eines der stärksten Gefühle, die Sehnsucht nach Nähe wird uns über diese Monate, vielleicht Jahre tragen und uns dazu befähigen alles zu tun, was nötig ist, damit wir uns irgendwann wieder in die Arme fallen dürfen. Gesund. Denn das ist das Gebot der Stunde. Dass wir nicht alle gleichzeitig krank werden.

Tag 2 unseres neuen Lebens bricht an. Die Vögel zwitschern. Fühlt euch sowas von umarmt. Eure Nicoletta

silhouette of man touching woman against sunset sky

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