Auf der Suche nach der Langeweile …oder warum Corona, Familien mehr Arbeit denn je beschert…

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„Sag mal fällt Dir die Decke noch nicht auf den Kopf?“, fragt mein Chef besorgt freundlich am Telefon. Ich habe eine Psorias Arthritis, d.h. mein Körper ist leicht „entflammbar“, er liebt es wegen jedem Quatsch über zu reagieren und meinem Immunsystem völlig schwachmatische Aufgaben zu geben, wo es eigentlich nichts zu tun gäbe. Was soviel heißt, Gelenke, aber auch Organe sind gerne mal entzündet, wenn ich nicht brav meine Medikamente nehme. Die fahren das ewig auf Dauerarbeit ausgerichtete Immunsystem runter. In einem normalen Alltag eine prima Sache. Denn so kann ich fast schmerzfrei durchs Leben hetzen. In Zeiten von Corona ganz blöd gelaufen. Während andere Apotheken leer kaufen auf der Suche nach den besten Immunsystem-Unterstützer, spritze ich einmal die Woche das Gegenteil. Daher gelte ich als „besonders gefährdet“, was so viel heißt, dass ich im Fall von Symptomen laut EU-Verordnung auf Platz 3 der Menschen lande, die ein Anrecht auf einen Corona-Test haben. Applaus. Was aber auch heißt, dass ich mich höchstens auf einen Spaziergang nach draußen wagen darf, meine Mitmenschen immer fest im Blick. Denn das Robert-Koch-Institut stuft uns „Metex“-Nehmer als Hochrisiko Patienten ein, die im Fall einer Covid-Erkrankung mit einem schweren Verlauf zu rechnen haben. Zur Zeit bin ich daher krank geschrieben und danach darf ich auf unbestimmte Zeit ins Home Office.

Nein, mir fällt die Decke nicht auf den Kopf. Seit die Schule geschlossen ist und x-Verordnungen unser Leben einschränken, aber auch komplizierter machen, hat sich mein Arbeitspensum verdoppelt und verdreifacht. Mein Tag ist so dicht gefüllt, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich manchmal vor Frühstück, Schule, Haushalt 20 Minuten Rückenjoga einschiebe, damit mein Körper diesem Pensum überhaupt gewachsen ist. Ich könnte mich vierteilen. Und es würde nicht reichen. Da ist mein 10-Jähriges Kind, das in allen Hauptfächern, Aufgaben bekommen hat, die auf Stoff basieren, den die 5. Klassen nie gemacht haben. Ich erkläre was Nomen sind, was ein Genus ist, ein Numerus, ein Kasus. Ich unterrichte die Punkt-vor-Strich-Rechnung und die Klammerregelung. Ich vertiefe mich in das Leben von Dromedare und Maulwürfe. Doch als mein Kind in Erdkunde touristische Attraktionen im Schwarzwald recherchieren soll, kriege ich einen Vollföhn. Das Kind fängt bei der Aufzählung von  touristischen Attraktionen, wie Freizeitparks und Schwimmbädern sowie Wandermöglichkeiten, an zu heulen wie ein Schlosshund, denn es weiß: Nichts von alledem wird es in den nächsten Wochen und Monaten besuchen dürfen.

Die Große würde schon alles dafür tun, wieder in die Schule zu dürfen. Seit heute hängt ein selbst gemachter Kalender an ihrer Tür, der bis Mitte Juni reicht. Der Titel: „Der Plan bis zur Freiheit, Schule, Spaß, Leben“. Ähnlich den Menschen, die in Gefängnissen einen Abrisskalender haben, der die verbliebenen Tage im Knast markiert, kann man in diesem Plan, die bereits rum gebrachten Corona-Tage durchstreichen. In Klasse 11 hofft sie auf sehr viel Nachmittagsunterricht, denn sie möchte, so ihre eigene Aussage, in Zukunft die maximale Zeit in der Schule verbringen. (Ich erinnere sie daran, wenn es so weit ist…). Sie hat sich in ihr Schneckenhaus verkrochen und hat noch nicht einmal die Kraft, jemanden von ihren Freundinnen anzurufen. Täglich fragt sie mich, ob ich es denn nicht doch für möglich halte, dass nach den Osterferien wieder Schule ist. Oder ob vielleicht der Sommer, doch noch nicht ganz verloren ist, und es doch eine Hoffnung gäbe, den Badesee, der vor unserer Haustür liegt, nicht nur zu sehen, sondern auch zu durchschwimmen. Ich bin kein grausamer Kinderquäler, aber lügen bringt hier auch nichts. Wenn der Höhepunkt der Pandemie in Deutschland und anderswo auf der Welt im Sommer erwartet wird, sehe ich uns definitiv nicht eng auf eng auf See-Pontons liegen. Ich sage meinen Kindern, wie Experten die Lage gerade einschätzen, versuche aber zugleich alles, um sie zu beruhigen,  und auch Spaß und Freude in unserem Familienleben zu erhalten. Psychologin bin ich jetzt auch noch.

Außerdem Trainerin wieder Willen. „So wir fahren jetzt Fahrrad!“, befehle ich nach Schule, Wäsche, Haushalt und vor dem Mittagessen kochen mit herunter hängender Zunge. „Oh nö!“, ruft mein jüngster. „Wo sollen wir denn hinfahren. Wir dürfen doch sowieso nirgendwo hin, hat doch alles zu!“, kommt der genervte Kommentar. „Das wird kein Ausflug sondern ist eine Bewegungsmaßnahme!“, befiehlt Mutter Feldwebel. Also noch schnell 40 Minuten Rad fahren eingeschoben. Jetzt schnell schnell kochen, denn um 14:30 Uhr meldet sich unser Student, der die beiden in Mathe unterstützt, vor allem die Große, die nicht wirklich Lust hat in der aktuellen Lage sich mit Exponentialrechnungen zu beschäftigen, die auch das Wachstum von Corons-Viren aufs eindrücklichste beschreiben. Doch Mist! Ich habe vergessen, dass Fleisch aufzutauen. Was soll ich jetzt um Himmelswillen auf den Tisch bringen?

Neben Gymnasiallehrerin, Psychologin, Trainerin, Coach, muss ich jetzt auch noch 160 Quadratmeter selbst sauber halten. War schon mit Reinemachefrau nicht wirklich vergnügungssteuerpflichtig. Ist jetzt aber alleine oder zu zweit (meinen Ehemann habe ich zum ersten Mal in acht Jahren Beziehung/Ehe zum Samstags-Hausputz verdonnert) noch übler. Zumal jetzt täglich vier Leute zu hause sind, 3 gemeinsame Mahlzeiten anfallen und (warum eigentlich nur?) noch mehr Berge von Wäsche. Die wirklich gesunde Devise lautet schließlich: Wir machen alles selbst, lassen niemanden mehr zu uns rein und gehen nur zum Frisch-Luft-Holen und Sport vor die Tür. Also keine Reinemachefrau, keine Reinigung.

Während wir uns so unglaublich heldenhaften Aufgaben stellen, wie „wo kriegt man eigentlich vier Rollen Klopapier her?“ und uns mit wirklich existentiellen Fragen auseinander setzen wie „Dürfen die Kids noch beim leiblichen Vater übernachten? Oder ist das schon zu viel an sozialen Kontakten?“ (große, heftige, emotionale Diskussion), lerne ich mit einer Chorleiterin was eine Dur-Tonleiter ist und eine Moll-Tonleiter  – natürlich auch per Skype. Damit ich wiederum mit meinem Kind diese wirklich zu schwere und ebenso unsinnige Musikhausaufgabe erledigen kann. Ich finde, in dieser Situation, hätte man auch ein paar Lieder zum Einüben aufgeben können. Das hätte dem Kind Spaß gemacht und mir nicht auch noch samstags den letzten Nerv geraubt.

Aber was ich nicht alles kann und weiß, wenn das alles rum ist!

Ab April gehe ich ins Home Office. Ich bin Journalistin, ich muss telefonieren, recherchieren, Geschichten schreiben, Nachrichtenminuten fürs Radio in mein Mikrofon einsprechen. Virtuelle Gymnasiallehrer, Kinder-Motivatoren, Trainer dieser Welt! Ich bin bereit! Meldet euch bei mir! Die Stellenbörse ist eröffnet!

Bleibt gesund ihr Mütter, Väter, Kinder, Großeltern dieser Welt. Wenn wir das geschafft haben, werden wir Multitasking neu definieren und den Aufenthalt im Schrebergarten des Onkels mehr zu schätzen wissen, als wir jemals unsere Übersee-Trips zu schätzen wussten!

Wie immer virtueller Drücker. Eure Nicoletta

 

2 Replies to “Auf der Suche nach der Langeweile …oder warum Corona, Familien mehr Arbeit denn je beschert…”

  1. Katja Nicklaus sagt:

    Hallo Nicoletta, wie kennen uns nicht, aber über Deinen Mann, der mal beim Mannheimer Morgen mein Ressortleiter war, bin ich vor einiger Zeit auf Deinen Blog gestoßen. Dieser hat mir im Voraus viel Kraft für die aktuelle Zeit gegeben. Weniger wegen Corona, sondern weil bei mir von knapp zwei Wochen ein Tumor im Kopf festgestellt wurde. Gutartig, operabel (wen die Krankenhäuser nicht vom sind, aber dennoch hat das Leben plötzlich eine Wendung genommen.
    Ich versuche Kraft daraus zu ziehen, nicht Panik. Und ich danke Dir für alle die Kraft und den mit, den Du mit Deinem Blog (und wohl Deinem ganzen Sein) ausstrahlst. Auch wenn ich weiß, dass mein Fall im vergleich harmlos ist.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und alles Gute, um auch durch diese Krise zu kommen.
    Lg katja

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    • Liebe Katja – Du glaubst nicht, wie berührend ich Deine Worte finde. Ich danke Dir sehr dafür. Ich fand und finde, es ist das wenigste was man in schweren Zeiten tun kann, andere Betroffene zu ermutigen, das Leben in all seinen Einschränkungen und fiesen Schicksalswendungen dennoch als dankbares Geschenk anzunehmen. In diesen Zeiten wird dies natürlich einem jeden noch extremer bewusst. Ich wünsche Dir Kraft, Zuversicht und trotz allem viele, freudvolle Momente. Werde rasch gesund und genieße jeden schönen (Lebens-)Augenblick. Virtueller Drücker Nicoletta

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