Von Traurigkeit und Pragmatismus – Corona-Achterbahnfeeling

black and white roller coaster

Photo by Pixabay on Pexels.com

„Man muss der Krise auch etwas positives abgewinnen.“ „Es ist nicht alles schlecht in diesen Zeiten.“ „Also, ich muss zugeben, so viel Zeit hat ich noch nie mit meinen Kindern.“ Solche und so ähnliche Sätze hört und liest man jetzt öfter. Dazu gibts lustige, sarkastische Videos von verzweifelten Eltern im Home-Schooling-Modus oder beim hilflosen Versuch, im Home Office irgendetwas auf die Reihe zu kriegen. Wahlweise gibts auch jede Menge Video-Workout-Tipps, bei denen man auch zu viel gekaufte Klopapierrollen zum Einsatz bringen kann.

Es gibt Tage, da lache ich mit. Es gibt Tage, da gelingt es mir, mich an den kleinen Dingen dieses wirklich nicht leichten Alltags zu erfreuen. Wenn mein Sohn schon abends, in der Küche alles bereit legt, um uns morgens mit selbst gemachten Pancakes zu erfreuen. Wenn ich mit meiner Tochter im zum Fitness-Studio umfunktionierten Wohnzimmer Yoga-Verrenkungen einübe. Wenn ich nach stundenlangem Lernen mit dem Jüngsten und Kochen, Putzen, Bügeln, Wäsche waschen, alleine einen Espresso auf dem Balkon trinke und einen kleinen Augenblick durch schnaufe, bevor mich Runde 2 Home-Schooling und Hausarbeit, die nie enden will, zurück rufen.

Aber es gibt da auch die anderen Momente. Heute früh war so einer. Mein Mann hat das Gästezimmer als sein Büro eingerichtet. Seit drei Wochen sitzt er an meinem Lieblingssekretär. Wir wohnen erst seit zwei Monaten hier und davon sind wir schon einen Monat im Ausnahmezustand. Der Sekretär und das Gästezimmer sind Sinnbild für alles, was ich mir in 2020 vorgenommen hatte, nach Jahren der Isolation durch Krebs. In 2019 musste ich immer noch mit den Nebenwirkungen der Chemo kämpfen, benötigte ewig Zeit, mich in meinen Arbeitsalltag als Journalistin wieder einzufinden, bekämpfte die Angst vor dem Rezidiv. In 2020 wollte ich nun durchstarten. Beruflich. Privat. Ich bestand nach dem Umzug auf mein Zimmer. In diesem wollte ich schreiben. Ein Buch, mehrere Bücher, Briefe, Karten, Gedichte, Gedanken. Meine Art, mit der Welt zu recht zu kommen. Mein Zimmer, mein Reich. „Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können“, erklärte einst Virginia Woolf.

Nun habe ich Platz gemacht. Corona fragt nicht nach persönlichen Selbstverwirklichungswünschen. Corona fordert praktische Lösungen. All überall. Corona heißt Solidarität und sich in die zweite, dritte, vierte Reihe stellen. Bei uns heißt das, wie in Millionen Familien weltweit: Hier braucht jeder einen Online-Fähigen Home-Arbeitsplatz. PCs, Räume, Tablets werden verteilt. Da klar ist, dass ich nach Ostern an meinen Arbeitsplatz im Sender sitzen werde, hab ich meinen kleinen Platz hergegeben, bevor ich ihn überhaupt beziehen konnte. Heute früh hab ich beim Aufräumen entdeckt, die Holzplatte des weißen Sekretärs ist komplett verkratzt. Sie hat Löcher, Risse, schwarze Striche. Sie sieht aus wie, ein Home-Office-Schlachtfeld, da Laptop, I-Pad, Telefone ohne Schutz, ohne Unterlage direkt aufs Holz platziert wurden.

Ich brach in Tränen aus. Nicht weil wir es uns nicht leisten könnten, diese Schreibtischplatte, nach dem Corona-Wahnsinn zu ersetzen, sondern weil dieses Home-Office-Schlachtfeld so sinnbildlich für mein Innenleben steht. Die Welt hat mir und uns allen, die vielleicht gerade eine Durststrecke im Leben hinter uns haben oder noch schlimmer, mitten drin stecken in der (Gesundheits-) Krise, keine Verschnaufpause gelassen. Ich war gerade dabei, meine richtigen und unsichtbaren Narben ein wenig beiseite zu schieben, absichtlich zu verdecken, um dem prallen Leben wieder Platz zu lassen, als ein Virus mich und die ganze Welt in Quarantäne steckte. Schon wieder ausgebremst in voller Fahrt.

So gelten meine Gedanken heute allen Menschen, die sich, ob durch Krebs oder andere schwere Erkrankungen sowieso in einer anderen Welt wähnen, während die Welt um sie herum, auch nicht mehr die ist, die sie vorher war. Sie müssen sich fühlen, wie gefangen in einer doppelten Blase. Ihre persönliche Blase und drumherum die Corona-Blase, zwei Gefängnisse auf Zeit, von denen man nicht weiß, wann man das eine oder das andere oder beide verlassen kann und darf. Als ich an Krebs erkrankt war, war zwar meine eigene, persönliche Welt von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt, aber ich hatte den Trost, dass sie sich sonst drehte wie gewohnt. Und das habe ich reichlich ausgenutzt. Mir war jede Belohnung für ein erreichtes Etappenziel recht. Wochenendausflüge, kleine Reisen, Geburtstags- und Grillfeste. Damit habe ich mich motiviert und angespornt. Das leckere Stück Kuchen in der Lieblingskonditorei an guten Chemo-Tagen, der Wochenend-Trip nach Venedig über den Geburtstag –  wenn die Fotos aus dieser Zeit auch eine sehr müde und aufgeschwemmte Frau zeigen. Aber ich hatte sie – diese Belohnungen.

Ihr Lieben, die jetzt in diesem Krebs-Wahnsinn (oder einem anderen gesundheitlichen Wahnsinn) steckt, müsst euch jetzt komplett verstecken, dürft nichts tun, was einen auch nur annähernd an Normalität erinnert. Nicht einmal ein Supermarkt-Besuch ist mehr drin. Deshalb gehört all meine Liebe heute euch. Unsere Tischplatten und Träume sind zerkratzt. Unser Leben wirklich lebensgefährlich, wir wissen in doppelter Hinsicht nicht, in welchem Zustand wir uns am Ende der Corona Krise befinden werden. Aber wir träumen noch. Vom Gesund und Heil-Sein, von der realen Umarmung unserer Eltern, Großeltern und Freunde, vom Sphagetti-Eis in unserer Lieblings-Eisdiele, dem feierlichen Opernabend im Theater – und vom eigenen Platz  – zuhause und draußen in der Welt. Weinen ist auch mal erlaubt. Ich geh jetzt einen Espresso auf dem Balkon Trinken. Einen richtig starken und dann lerne ich Englisch mit meinem Sohn. Corona verlangt praktisches Handeln und Denken. Geweint hab ich für heute genug.

 

Wie immer die dickste aller Umarmungen!

Eure Nicoletta

One Reply to “Von Traurigkeit und Pragmatismus – Corona-Achterbahnfeeling”

  1. Katja Nicklaus sagt:

    Und wieder aus der Seele gesprochen. Beim Beginn des vorletzten Absatzes lief mir ein Schauer über den Rücken. Die doppelte Blase – doppelt surreale Situation nenne ich es immer – ist genau das, was ich gerade fühle. Unwirklich das Gefühl, einen Tumor im Kopf zu haben, und doppelt unwirklich dazu das Gefühl, dass die Welt stillsteht. Einerseits froh, gerade krank geschrieben zu sein und noch nicht mal homeoffice machen zu müssen. Andererseits nicht zu wissen: was wird. Steht der OP-Termin oder sind die Krankenhäuser dann voll? Sind meine Ärzte so fit wie sie sein sollten, wenn sie in meinem Kopf rumschnippeln oder überarbeitet, gestresst von der Situation? Was passiert, wenn der Termin verschoben wird? Ist das kein Problem oder wird der Tumor dann doch zu groß?
    In normalen Zeiten ist es schon heftig, sich gedanklich auf eine kopf-Op einzustellen – jetzt ist es… ohne Worte…
    bleibt gesund und haltet durch!
    Lg katja

    Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu Katja Nicklaus Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.
%d Bloggern gefällt das: