Von der Wut und der Verzweiflung der Geimpften

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Morgens um 6:10 Uhr. Ein krächzendes Guten Morgen an die müden Kids zeigt: Bingo mich hats nun auch erwischt, irgendein Infekt hat bei meiner Stimme den Jo Cocker Effekt ausgelöst. Glücklicherweise habe ich gerade gestern fünf Schnelltests bei Rewe gekauft. Vorahnung? Müde und zerlegt mach ich Frühstück, während ich gefühlt alle 30 Sekunden auf die „Teststation“ starre. Nach quälend langen 15 Minuten das Ergebnis – negativ. Komplett erschöpft lasse ich mich auf den Küchenstuhl fallen. Wie oft werde ich diesen Winter wohl wegen einer Erkältung den Puls eines Marathon-Läufers bekommen vor lauter Angst vor einer Corona Infektion?

Rückblick: Erste Corona Welle. Die ersten Meldungen in der Zeitung über die erstaunlichen Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung bei CureVac lassen die Herzen aller Familienmitglieder diesmal vor Freude schneller hüpfen.

Wir schwelgen in Phantasien: „Wenn der Impfstoff da ist, werden wir eine Champagner Flasche köpfen. Wenn der Impfstoff da ist, werden wir alle vier uns einen Riesen-Eisbecher bei unserem Lieblingsitaliener gönnen. Wenn der Impfstoff da ist, feiern wir wieder ein riesiges Familienfest…“

Der Impfstoff ist da. Schon lange. Und ich sperre mich wieder ein. Mit meiner Erkältung traue ich mich nicht zum Arzt. Draußen sind zwei Grad und man sieht wegen des Nebels die Hand vor den Augen nicht. Bei meinem Arzt steht man aktuell mindestens eine Stunde draußen in der Kälte bis man dran ist. Ich glaube nicht, dass eine solche Aktion meine Stimme geschmeidiger werden lässt. Der Arzt macht eine telefonische Ferndiagnose und ich werde kurz vor Praxisschluss ein Rezept, das „auf Verdacht“ ausgestellt wurde, abholen.

Doch das ist kein Drama. Ein Drama ist meine unbändige Angst vor einer erneuten schweren Erkrankung. Die alljährlichen Krebsvorsorge-Untersuchungen stehen an. Knochenszintigraphie, Mammographie, MRT. Das volle Programm. Kino im Kopf seit Wochen.

Was ist, wenn etwas entdeckt wird? Wer wird mich wo und wie in diesem Winter behandeln? Werde ich wertvolle Zeit verlieren, wenn Behandlungen durchzuführen sind? Und was, ist wenn ich während der Behandlungen, mich mit Corona infiziere? Der zweite Winter in Angst. Nur in diesem Winter gehen meine Kinder in die Schule, meine Große hat mit ihren 17 Jahren einen unbändigen Freiheitsdrang und will das Wort „Zurückhaltung“ nicht ansatzweise hören. Mach ich auch nur annähernd eine Bemerkung Richtung „Kontakte reduzieren“, würde sie mich mit ihren Blicken am Liebsten töten.

Heute Morgen hat sie mir einen Zettel hingelegt zum Unterschreiben. Die Schule lädt zum alljährlichen Probewochenende des Chores und des Orchesters ein im Januar. Die einzige Sorge des Veranstalters: Die Kids könnten Alkohol einpacken. Ich muss unterschreiben, dass ich meine Tochter unverzüglich abzuholen habe, wenn sie mit ner Flasche Martini erwischt wird. Corona? Kein Wort davon in diesem Info-Schreiben. Ich unterschreibe widerwillig die Einladung zum Spreader Event. Denn Madame droht schon wieder mit andauernden Fastenkuren und „Aus dem Fenster Springen“, wenn man sie wieder einsperre.

Meinem Sohn gebe ich auf dem Weg zur Schule den Rat, trotz doppelter Impfung, das Testen in der Schule mit zu machen. Doch er erwidert:“Mama, die Geimpften dürfen sich nicht testen lassen. Dafür gibt es keine Kapazitäten an der Schule, sagen die Lehrer!“ Sprachs und verschwand in der morgendlichen Nebelwand.

Ich lass mich erneut auf den Küchenstuhl plumpsen. Mein Mund steht ne Weile aufgesperrt auf und ich starre durch die miauende, meckernde, hungrige Katze hindurch. Die Schlagzeile heute in der Zeitung: „Die Corona Lage wird immer dramatischer“. Ich lese von schimpfenden, verzweifelten Klinikdirektoren, von komplett erschöpften PflegerInnen und von dreisten Corona-Patienten, die selbst schwer erkrankt, lieber ne Runde weiter über Sinn und Unsinn der Corona-Maßnahmen und der Impfung mit Ärzten und Pflegern auf Station diskutieren, statt den Behandlungsempfehlungen Folge zu leisten. Ich denke, sie sollten sich ihren Atem besser sparen, sie werden ihn vermutlich noch brauchen.

Ich bin selbst Journalistin. Und ich hab selbst diese Woche meinen ganzen Atem bei Gesprächen mit Gesundheitsministerien, Klinikdirektoren, Ärzten und Impfwilligen verbraucht. Und vor allem die Verantwortlichen werden in diesen Gesprächen verzweifelt persönlich. Einer erzählt mir von seinen beiden kleinen Kindern, das eine fünf Jahre und das andere wenige Monate alt. „Wissen Sie, ich habs so satt. Meine Frau und ich überlegen uns ernsthaft, unsere Fünfjährige zu impfen, sobald der Impfstoff zugelassen ist, obschon sie komplett im Wachstum ist. Selbst unser Baby würden wir impfen lassen, damit es geschützt ist und da draußen laufen Menschen rum, die immer noch überzeugte Impfgegener sind und uns jetzt erneut diese Katastrophe beschert haben! Ich kann nicht mehr!“ Und ich kann nur so viel verraten, er wird können müssen, denn er steht beruflich mitten im Sturm.

Es wird Zeit für den Aufstand der Geimpften. Lasst uns Versammeln auf Plätzen und auf Straßen. Mit Abstand und mit Maske. Lasst uns kämpfen für die Freiheit der Geimpften. Lasst uns streiten für unsere körperliche Unversehrtheit. Lasst uns Solidarität zeigen, mit Ärzten und PflegerInnen und allen im Gesundheits- und Pflegesektor Tätigen, die nicht wissen, wie durch diesen Winter kommen. Und lasst uns demonstrieren für alle Menschen, die lebensbedrohende Krankheiten, wie Krebs und anderes haben und deren Behandlungen wieder warten müssen und die so, vieleicht diesen Winter deshalb nicht überleben werden. Ich hab so die Schnauze voll vom Freiheitsgerede der Ungeimpften. Eure Freiheit ist unsere Unfreiheit. Und ich hab die Schnauze voll vom Gerede der Spaltung der Gesellschaft. Impfen rettet Leben. Deins, Meins, Unseres. Ja auch Deins, Du ewiger Skeptiker und Egomane. Ja DU! Du nimmst vielleicht meiner an Tumor erkrankten Nachbarin das Bett weg! Und Ihre Cahnce auf Leben.

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