Katastrophen Medizin – Deutschland steht Schlange

Ich komme gerade zurück aus der Uni Klinik Heidelberg. Als ich heute früh um 8:30 Uhr ankam, rieb ich mir die verschlafenen Augen. „Was ist denn hier los, um Gottes Willen!“, entfuhr es mir entsetzt. Vor dem Eingang der Inneren Medizin gute 100 Leute in einer nicht enden wollenden Schlange. Verzweifelt schaute ich mich nach dem Grund für den Ansturm um. „Vielleicht ist hier ein Testzentrum im Eingangsbereich“, hoffte ich mit bangem Blick zur Uhr. Denn sollte ich mich als 101. in diese Schlange einreihen müssen, stünden meine Chancen, pünktlich zu meinem Termin zu kommen bei Null. „Warum stehen sie hier an?“, frage ich zaghaft Nummer 100 vor mir. „Ich hab einen Termin in der Kardiologie“, bekomme ich zur Antwort. „Ich auch“, bestätigt eine andere Dame. „Ich muss in die Onkologie“, erklärt ein anderer. „Alle ambulant?“, hake ich noch verzweifelter nach. „Ja“, ruft es unisono. Aha. Hätte ich jetzt einen Stuhl, auf dem ich zusammen sacken könnte, hätte ich ihn gerne benutzt.

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Nutzt nichts. Jogisch atmen. Von der FFP2 Maske beschlagene Brille hinnehmen. Die Menschenschlange auch. Und mit dem ein oder anderen in Gebührendem Abstand höfliche Konversation führen. Da ich glücklicherweise viele Monate hier nicht mehr vorsprechen musste, war ich auf die Zustände nicht vorbereitet. Und bei der Terminvergabe gab es keinen Hinweis darauf, dass es Sinn mache, eine Stunde vor Termin auf Aufnahme zu warten.

Es ist ein nasskalter ungemütlicher Morgen, leise regnet der Eisregen auf uns ein und durchweicht unsere Kleider und auch unser Gemüt. Keiner, der hier ansteht, steht hier ohne Grund. Wir alle teilen eine schwierige, chronische Krankheit, die regelmäßige Kontrollen verlangt. Schon das für viele eine Zumutung. Doch seit Corona sind alle doppelt und dreifach bestraft. Nach 45 Minuten habe ich den Eingang zumindest mal im Blick. Endlich darin angekommen, erkenne ich den Grund für das Einlass-Desaster. Eine einzige überforderte, schon fast verzweifelte Sicherheitskraft, versucht einem jeden Patienten zu erklären, er habe ein Eintrittsformular auszufüllen und erhalte nur Einlass mit Impfung oder PCR Test. Die desinfizierten Kugelschreiber sind allenthalben aus, die Diskussionen mit Patienten, die weder über eine Impfung noch über einen Test verfügen, machen den Sicherheitsmann und uns Wartenden gleichermaßen mürbe.

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Nach über einer Stunde klopfe ich bei der Anmeldung meines Proffessors an. „War wieder schlimm unten, oder?“, begrüßt mich die Sekretärin. „Wir machen schon seit Wochen die Verwaltung auf diese Zustände aufmerksam“, erklärt sie entschuldigend. „Aber es ändert sich nichts!“, ruft sie schon fast wütend aus.

Deutschland steht Schlange. Vor Testzentren. Impfstützpunkten. Ambulanzen. Und nach wie vor, der AHA Regeln wegen, vor Bäckereien, Apotheken und dem ein oder anderen kleineren Laden, der nicht so viele Menschen auf einen Fleck verträgt.

Als mein Mann von einem Pressetermin zurück kommt, er ist ebenfalls Journalist, erzählt er von verzweifelten Landräten, die fassungslos sind über das Pandemie-Management dieses Landes. Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie und ein Jahr nach der Auslieferung der ersten Impfdosen sprechen wir wieder über Lieferengpässe beim Impfstoff, von verzweifelten Ärzten und bald kollabierenden Krankenhäusern.

„Wir müssen uns auf eine Katstrophen Medizin einstellen“, hat heute die Deutsche Krankenhausgesellschaft erklärt. Menschen würden jetzt schon zu früh von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt. Die Verteilung von Intensivpatienten im ganzen Land ist längst angelaufen und demnächst wird unser Opa, unser Nachbar, unsere Mama womöglich ins Ausland geflogen, damit er oder sie ein Intensivbett bekommt.

Vor zwei Jahren haben wir Gänsehaut bekommen beim Anblick der Särge von Bergamo. In wenigen Wochen produzieren wir in Deutschland die gleichen Bilder. Und in den Särgen werden nicht nur Tausende von Covid Patienten liegen, sondern auch der unbehandelte Herzinfakt, Schlaganfall und Hirntumor.

Als die Pandemie begann, hat mein Orthopäde erklärt, wissend, dass ich italienischer Abstammung bin:“Erstaunlich diese Diszplin der Italiener, hätte ich denen gar nicht zugetraut!“. Die typischen Vorurteile gegenüber dem angeblich unorganisierten, chaotischen, korrupten italienischen System. Ehrlich. Ich will gar nicht wissen, wie jetzt ein italienischer Arzt über die deutschen Verhältnisse hinter vorgehaltener Hand spricht. Vielleicht spricht er über „La repubblica delle Banane“ – eine Übersetzung ist hier sicher unnötig.

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