Am Ende….einer Therapie

Noch dreimal schlafen!, hätten meine Kinder früher gesagt, wenn sie sich auf etwas freuten. Ja genau. Noch dreimal schlafen, dann habe ich auch die letzte Bestrahlung gepackt. Dann surrte, sauste, pfiff insgesamt 28 mal das Bestrahlungsgerät um mich herum, wie ein geheimer Geist, von dem ich bis heute nicht weiß, was er eigentlich mit mir angestellt hat. Nur seine unangenehmen Wirkungen – die sind mehr als deutlich: Bleierne Müdigkeit, sobald ich nach der Behandlung im Taxi sitze, eine verbrannte rechte Achsel und das Gefühl, insgesamt noch kaputter zu sein, als ich es am Ende der Chemotherapie, sowieso schon war. Von den „lustigen“ Bemalungen auf mir ganz abgesehen. Bodypainting wäre schmeichelhaft. Ich sage immer: ich sehe mit den vielen Edding-Kreuzen auf mir aus, wie eine lebendig gewordene Dartscheibe. So war das Ziel in den letzten 10 Monaten immer nur: Kampf dem Krebs, Kampf dem Krebs, Kampf dem Krebs. Die Mittel sind, wie es nun bei einem Kampf so ist, hart, unbarmherzig, wild, bisweilen unkontrollierbar und überschießend. Bestehen Nebenwirkungen, zucken die Behandler mit den Achseln und sagen stets: „Das ist normal, das kann schon so passieren.“ Ob das nun Hitzewallungen sind, das Gefühl, in der Wüste Gobi zuhause zu sein vor stetem Durst, lustige Wasserdellen im Gewebe von der ganzen Chemokeule oder eben jetzt die Verbrennungen. „Das gehört so…“ Herzlichen Dank auch.

Es reicht. Es reicht. Es reicht. Ich will endlich meine Wunden lecken. Innen wie außen. Ich brauche jetzt nicht nur dringend körperliche Regeneration (und die wird schon Monate in Anspruch nehmen), sondern auch seelische. Im Behandlungshamsterrad gibt es kaum Zeit und Möglichkeit zur Reflexion. Eine Therapie jagt die andere und Frau ist nur mit „Überleben“ beschäftigt. Wann muss ich wohin, um was zu tun? Was kann ich machen, um die Nebenwirkungen auf ein Minimum runterzudrücken? Welcher Doc ist jetzt aufzusuchen? Welcher nächste Schritt jetzt zu gehen?

STOP! PAUSETASTE! Bevor nunmehr der Nachsorgerattenschwanz verbunden mit dem ewigen Zittern, kommt K. wieder oder nicht?, losgeht –  STOP!

Ich will in der Sonne liegen und nichts tun (und am Besten nichts denken). Ich will mir einen Sonnenbrand am Meer holen und nicht unter dem surrenden Strahlengeist. Ich will raus in die Natur, statt auf unbequemen Wartezimmerstühlen mir den Popo platt zu sitzen. Ich will zwischen 15 Eissorten wählen, statt zwischen 20 Nahrungsergänzungsmitteln. Ich will die Kraft haben, mal eine halbe Nacht durchzutanzen, statt auf meiner eigenen Grillparty, die erste zu sein, die erschöpft ins Bett fällt, während das Lachen der anderen durch das geöffnete Schlafzimmerfenster an mein Ohr dringt.

Und ich benötige ZEIT, ZEIT, ZEIT. Ich muss meine wilden Gedanken sortieren. Ich muss herausfinden, was ich aus den Erfahrungen der letzten langen Monate mache. Ich muss mich neu erfinden. Krebs ist etwas unglaublich zerstörerisches. Er wütet und tobt und frisst sich durch alles durch. Die Mittel gegen ihn sind daher genauso zerstörerisch. Böses wird mit Bösem bekämpft. Nun wurde ich einmal komplett platt gemacht. Schrecklich ja. Aber auch die Chance, sich nochmal auf Null zu fahren und komplett neu anzufangen. Wer kriegt diese Chance schon?

So wie ich jetzt ganz frisches, neues, unbehandeltes Haar habe. Samtig und weich, noch nie von einem bösen Blondierungsgel angegriffen. Alles ist offen, Körper, Herz und Seele. Nun kann Frau neu füllen. Mit neuen Wegen, neuen Gedanken, neuen Ansätzen, neuen Lebensstrategien, neuen Wegen. Nichts ist wie vorher. Auch wenn meine private und meine berufliche Umgebung dies wahrscheinlich schwer akzeptieren wird. Aber so ist es. Nichts ist wie vorher.

„Il Fiume non guarda mai indietro!“, so lautet ein italienisches Sprichwort. Übersetzt heißt das soviel wie: „der Fluss schaut nie zurück oder „fließt nie rückwärts“. Genau der Strom des Lebens fließt nie rückwärts, nur nach vorne. Mal sehen, wohin er mich führt. Ich freue mich auf viele Tage und Monate wartend und beobachtend am Ufer. Und dann – spring ich.

 

2 Kommentare

  1. evenyleve sagt:

    Fürs Springen wünsche ich alles, alles Gute. Kraft und Liebe und Phantasie sowieso!!!

    Gefällt 1 Person

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